Kauf, Leasing oder RaaS: Wie finanziert man eine AGV-Flotte?

Drei Beschaffungsmodelle für AGVs und AMRs im Vergleich: Kauf, Leasing und Robot-as-a-Service. Wann welches Modell sinnvoll ist, mit Marktpreisen und einem Rechenbeispiel.

Lesezeit: 8 Min.

Die kurze Antwort

Es gibt nicht das eine günstigste Modell. Die richtige Wahl hängt vom Zeithorizont, von der Liquidität und von der Planbarkeit des Transportvolumens ab.

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Den gleichen Betrieb 5+ Jahre fahren Kauf
Bilanz und Cash schonen Leasing
Saisonspitzen oder Piloten abdecken RaaS
In 2 Jahren aus einem 3PL-Vertrag aussteigen RaaS oder Kurzleasing

Über einen 5-Jahres-Horizont ist Kaufen meist am günstigsten. Leasing kostet 30 bis 50 Prozent Aufpreis, RaaS 50 bis 80 Prozent. Die Frage ist, ob dieser Aufpreis etwas Wertvolles bringt, und oft tut er das.

Die eigentliche Frage stellen, bevor man Angebote vergleicht

Die meisten AGV-Kostenrechnungen springen direkt in Tabellen. Nützlicher ist eine einzelne Entscheidung vorab: Wollen Sie ein Transportmittel besitzen oder Transport als Dienstleistung einkaufen?

Besitz bedeutet CAPEX, Abschreibung, Wartungsvertrag, die Fahrzeuge gehören Ihnen bis zur Verschrottung. Dienstleistung bedeutet OPEX, eine monatliche Rechnung und jemand anderes trägt das Technologierisiko. Leasing und RaaS sind nur zwei Punkte auf dieser Service-Skala.

Wer diese Grundsatzfrage beantwortet hat, hat die halbe Entscheidung getroffen. Der Rest ist Vertragsauswahl.

Die drei Modelle in je einem Absatz

Kauf (CAPEX)

Sie zahlen die Systemkosten vorab, üblicherweise in Meilensteinen (Bestellung, Lieferung, Abnahme). Fahrzeuge, Batterien, Softwarelizenzen und Inbetriebnahme werden zu Anlagevermögen. Ein separater Wartungsvertrag deckt laufend 3 bis 8 Prozent des Hardwarewerts pro Jahr. Der Restwert nach Vertragsende gehört Ihnen.

Leasing (OPEX, Festlaufzeit)

Ein Finanzpartner, oft die Leasingtochter des OEM oder ein Spezialist wie CHG-Meridian oder Grenke, kauft das System und Sie zahlen 36 bis 60 Monate eine feste Rate. Die Rate bündelt Finanzierung, Full-Service-Wartung und oft eine Versicherung. Am Vertragsende geben Sie die Flotte zurück, verlängern oder kaufen den Restwert. Nicht-physische Leistungen, Software, Integration, Dienstleistungen, werden meist separat als OPEX abgerechnet.

RaaS (Nutzungsabhängig oder Pauschale)

Sie bezahlen Leistung, nicht Hardware. Der Anbieter besitzt die Roboter, liefert sie, nimmt sie in Betrieb, überwacht sie aus der Ferne und tauscht defekte Geräte aus. Abgerechnet wird pro Pick, pro Palettenbewegung, pro Kilometer, pro Spitzentag oder als monatliche Pauschale. Einrichtungsgebühren von 25.000 bis 100.000 Euro sind üblich und werden häufig übersehen.

Wann RaaS die klar beste Wahl ist

Saisonale Spitzen

Das ist der sauberste RaaS-Anwendungsfall. Ein Fulfillment-Center, das sein Volumen von Oktober bis Januar verdreifacht, braucht keine Dauerflotte, die für den Black Friday dimensioniert ist. Zusätzliche AMRs für 90 Tage zu mieten und im Februar zurückzugeben, kostet einen Bruchteil dessen, was stillstehende Hardware über zehn Monate im Jahr kostet.

Pilot vor Kaufentscheidung

Zwei AMRs drei Monate laufen zu lassen, bevor man einen Kaufauftrag über 1,5 Millionen Euro unterschreibt, ist eine günstige Versicherung. Sie erfahren, ob Boden, WLAN, WMS-Schnittstelle und Ihre Mitarbeiter die Veränderung wirklich aufnehmen, ohne Kapital zu binden.

Kurze Kundenverträge

3PL-Anbieter mit 2- bis 3-jährigen Kundenverträgen können eine 7-jährige AGV-Abschreibung nicht darstellen. RaaS bringt die Lebensdauer des Roboters mit der Laufzeit des Vertrags in Einklang.

Kein CAPEX-Budget

Manche Organisationen können aus strukturellen Gründen keine Investitionen tätigen, öffentliche Vergabevorschriften, liquiditätsschwache Töchter, Leveraged Buy-outs. Für sie ist OPEX der einzige gangbare Weg.

Trifft keiner dieser vier Fälle zu, ist RaaS meist nicht die günstigste Option, möglicherweise aber immer noch die einfachste.

Wann Kaufen weiterhin überlegen ist

  • Stabiler Mehrschichtbetrieb mit sich wiederholenden Routen über 5+ Jahre
  • Schwerlast-AGVs (Gabelstapler-AGVs, Schwerlastschlepper), die auf dem RaaS-Markt kaum angeboten werden
  • Tief integrierte Systeme mit enger SAP/WMS-Kopplung, bei denen das AGV Teil der Anlageninfrastruktur ist
  • Starke Bilanz mit günstigem internen Kapital, Kapitalkosten unter 4 bis 5 Prozent

Wann Leasing der Mittelweg ist

Leasing passt zu Unternehmen, die planbare OPEX und Full-Service-Wartung wollen, ohne das Mengenrisiko eines RaaS-Vertrags zu tragen. Ein 60-Monats-Leasing verhält sich wirtschaftlich wie ein Kauf in Raten: fester monatlicher Betrag, Fahrzeuge fest dem Standort zugeordnet, kein Streit mit dem Anbieter über die Definition eines "Picks" oder einer "Palettenbewegung".

Leasing ist außerdem in Deutschland und großen Teilen der EU die steuerlich sauberste Variante, da das Vermieten reiner Software oder Dienstleistungsstunden umsatzsteuerlich in einer Grauzone liegt.

Rechenbeispiel: 5 AMRs für ein mittleres Fulfillment-Center

Szenario

5 Piece-Pick-AMRs, 3-Schicht-Fulfillment, 60 Monate Horizont, Referenz: 5 manuelle Kommissionierer

KostenblockBetrag
5× Piece-Pick-AMR @ 42.000 €210.000 €
Batterien, Ladegeräte, 3× Induktionsstationen46.500 €
Flottenmanager-Lizenz + WMS-Integration55.000 €
Inbetriebnahme, Schulung, Dokumentation48.000 €
Projektmanagement (inkl. FAT, SAT)25.000 €
CAPEX (einmalig)384.500 €
Jährliche Wartung (5 % Hardwarewert)12.800 € / Jahr

Fünf-Jahres-Vergleich

Modell Cash vorab 5-Jahres-Summe vs. Kauf
Kauf + Wartungsvertrag 384.500 € 448.500 €
Leasing 60 Monate all-in, ~10.400 €/Monat ~5.000 € 624.000 € +39 %
RaaS 5× 2.500 €/Roboter/Monat + Setup 25.000 € 775.000 € +73 %
Manuell 5 Kommissionierer, 3 Schichten 0 € ~1,1 Mio € +145 %

Was die Zahlen tatsächlich aussagen

Kaufen ist auf fünf Jahre am günstigsten, der Payback gegen die manuelle Referenz liegt bei rund zwei Jahren. Leasing kostet 175.000 Euro mehr, verlangt aber fast kein Kapital am ersten Tag. RaaS kostet 325.000 Euro mehr, übernimmt dafür aber jedes operative Risiko: defekte Fahrzeuge, Software-Updates, Ersatzteile, sogar einen Umzug in ein anderes Lager.

Der RaaS-Aufpreis ist kein Nepp, er ist der Preis für die Risikoübertragung. Ob er sich lohnt, hängt davon ab, wie hoch Sie das freigesetzte Kapital und die vermiedenen Betriebsrisiken bewerten.

Was RaaS heute tatsächlich kostet

Basierend auf öffentlich kommunizierten Preisen von AMR-Anbietern in 2025-26:

Anbieter / Kategorie Typische Monatsrate pro Roboter Anmerkung
Kollaborativer Piece-Pick-AMR 1.500 – 4.000 € Klasse Locus Origin
Schlepp-/Transport-AMR 2.500 – 5.000 € Inklusive Flottensoftware
Schwerlast-Gabelstapler-AGV selten als RaaS Meist nur Leasing oder Kauf
Einrichtungsgebühr 25.000 – 100.000 € Abhängig von Standortkomplexität
Typische Vertragslaufzeit 1 – 3 Jahre Kürzere Laufzeiten mit Aufpreis

Nutzungsbasierte Preise (0,02 - 0,05 € pro Pick oder 0,50 - 1,20 € pro Palettenbewegung) gibt es, sind aber schwerer zwischen Anbietern vergleichbar und am Monatsende leichter strittig.

Die KPI-Falle bei RaaS-Verträgen

Der häufigste Grund, warum RaaS-Deals scheitern, sind unklare KPIs. Wer pro Pick zahlt, muss im Vertrag definieren:

  • Was zählt als "Pick"? Ein berührter Artikel, ein gescannter Artikel, ein ausgelieferter Artikel?
  • Was passiert mit Picks, die der Roboter beginnt, aber wegen eines WMS-Fehlers nicht beendet?
  • Wer zählt, das Roboter-Log oder Ihr WMS? Was tun bei Abweichungen?
  • Wer zahlt, wenn der Roboter stillsteht, weil Ihr Mitarbeiter die Induktionsstation nicht besetzt?
  • Was ist der Mindestbetrag pro Monat, wenn das Volumen einbricht?

Jeder dieser Punkte war bereits Gegenstand realer Streitfälle zwischen Kunde und RaaS-Anbieter. Schreiben Sie sie vor Vertragsunterzeichnung fest, nicht hinterher.

Warnsignale in einem RaaS-Angebot:

  • Keine klare Definition der Verrechnungseinheit
  • Keine Obergrenze der Monatskosten bei Spitzenereignissen
  • Keine Ausstiegsklausel bei Anbieter-Insolvenz (siehe Fetch Robotics)
  • Einrichtungsgebühren in "Professional Services"-Posten versteckt
  • Wartungs-SLA als "Best Effort" statt mit Reaktionszeiten in Stunden

Hybridmodelle, die in der Praxis vorkommen

Reale Deals sind oft keine reine Form, sondern eine Mischung:

  • Fahrzeuge leasen, Software kaufen. Üblich, wenn der OEM Hardware, aber nicht die eigene Flottenmanager-Lizenz finanziert.
  • Flotte kaufen, Saisonspitzen per RaaS abdecken. Grundlast läuft 24/7 im Eigentum, Peak-Roboter kommen für 60 Tage dazu.
  • Leasing mit Kaufoption. 48 Monate Leasing, anschließend Übernahme zum vorab definierten Restwert. Im Ergebnis Finanzierung mit Hintertür zum Eigentum.
  • RaaS mit Umwandlungsoption. Drei Jahre RaaS, danach festgelegter Kaufpreis, falls Sie die Roboter behalten möchten.

Entscheidungsmatrix auf einen Blick

Faktor Kauf Leasing RaaS
Geringste 5-Jahres-Kosten
Geringste Anfangsinvestition
Schutz vor technischer Überalterung
Eignet sich für Saisonspitzen
Einfache USt-/Buchhaltungsbehandlung EU teilweise
Für Schwerlast-AGVs verfügbar selten
Überträgt operatives Risiko
Passt zu 3PLs mit kurzen Verträgen eingeschränkt

Fazit

Das günstigste Modell auf fünf Jahre ist fast immer der Kauf. "Günstig" ist aber nicht dasselbe wie "richtig". Leasing tauscht einen Aufschlag gegen saubere OPEX und geschontes Kapital. RaaS tauscht einen größeren Aufschlag gegen die Freiheit, im Dezember hochzuskalieren und im Februar wieder herunterzufahren, und gegen den Komfort, dass jemand anderes jedes defekte Lager bezahlt.

Bevor Sie Monatsraten vergleichen, entscheiden Sie, welchen dieser Kompromisse Sie eigentlich einkaufen wollen. Dann verhandeln Sie den passenden Vertrag.

Von der Strategie bis zur Anbieterentscheidung.
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